Freitag, 14. Januar 2022

Genderfun

 

 

Wer noch in den 70er politisch sozialisiert wurde, der erinnert sich an die damalige Politlandschaft, die sich von der heutigen doch ein wenig unterschied. Und er hat sicher nicht die ideologischen Debatten vergessen, die seinerzeit das Erscheinungsbild bestimmten, selbst wenn sie ihm mit der Zeit immer unverständlicher wurden. Doch zu der Zeit waren sie sakrosankt und wer es wagte ideologische Gewissheiten in Frage zu stellen, schloss sich damit aus der Gemeinschaft der Gläubigen ….ähm, Linken, aus.

Die Grundlagen der Ideologie waren unantastbar und nicht dazu da, hinterfragt zu werden. Damit wurde gepredigt, sie mußten nur noch der blöden Masse eingehämmert werden. An ihrer absoluten Wahrheit bestand kein Zweifel, sie standen nicht zur Debatte.
Wie das dann so läuft, mit der Zeit stellt sich dann doch heraus, das sich die Realität wenig um die ideologischen Glaubenssätze schert. Nun kann man die Realität ignorieren oder sie sich zurechtbiegen und das haben nicht wenige getan um nach wie vor an die Ideologie glauben zu können. Ein Teil begann zu zweifeln und reihte sich in die Tradition der Renegaten, Abweichler, Verräter, Revisionisten, Utopisten, Reformisten, Trotzkisten, Spontaneisten und vieler weiterer ….isten ein. Denn der Marxismus Leninismus verfügt über einen veritablen Zoo aus diversen ….isten Für jeden findet sich da ein Platz in der Klassifikation aller verbotenen Abweichungen des Denkens. So kann man jeden einordnen und muß sich nicht weiter mit ihm rumärgern. Und kann vor allem seine Einwände ignorieren. Ein einfaches System den eigenen Denkhorizont zu begrenzen und wer da nicht reinpasst, zu Stalins Zeiten konnte man den schnell und einfach entsorgen. Sei es daß so jemand emigrierte oder im Lager verschwand.
Diese Möglichkeit stand den Hütern der reinen Lehre im Westen zwar nicht zur Verfügung, dafür wurde man intellektuell gemobbt, nur der Begriff war noch nicht geläufig. Jedenfalls war man nicht mehr Diskussionswürdig.
In den 80er bröckelte diese Welt der Ideologen und ihre Organisationen verloren an Bedeutung bzw. verschwanden. Neue Bewegungen bestimmten das Feld und die eigene Erfahrung wurde wichtiger als die Ideologie der reinen Lehren, auch wenn sie noch so begrenzt und eingeschränkt sein sollte.
Ob AKW Protest oder Hausbesetzung, der alt gewordene Linke, selbst wenn er noch keinesfalls so alt sein mochte, sah auf einmal verdammt alt aus. Er stand recht einsam und verlassen mit seinen Glaubenssätzen am Straßenrand, die keiner mehr ernst nahm und die niemanden mehr, wie noch vor wenigen Jahren alles bedeuteten und als Spitze des menschlichen Denkens galten. Auf einmal war es selbstverständlich zu sagen, niemand kennt die Patentlösung für alle Probleme und sie steht auch nicht in heiligen Bücher.
Auf einmal glaubten immer weniger an den Geschichtsautomatismus, daß die Geschichte sich in Richtung Kommunismus bewegt und die Arbeiterklasse für diese historische Mission auserwählt ist. Sie selbst bewies das Gegenteil und dachte gar nicht dran irgendeine Mission zu erfüllen, die ihr die Linken andichteten.
Stattdessen tobte eine neue Jugendbewegung durch die Straße, pfiff auf die politische Vermittlung, verteilte stattdessen eher Steine in Glasscheiben statt Flugblätter an die Massen.
Da konnte sich der gestandenen Ideologe hinstellen und was von kleinbürgerlichen Jugendlichen schwafeln und davon träumen, einige von ihnen für seinen maroden Verein abzurippen. Doch da stand er auf verlorenen Posten. Und so versanken die letzten Vereine in Bedeutungslosigkeit, selbst innerhalb der Linken.
Klar machten die Bewegungen der 80er neue Dummheiten, oder ab und an wiederholten sie die alten Fehler. Dafür schien die Zeit vorbei, als die Ideologie des Marxismus Leninismus den Platz einer säkularen Ersatzreligion einnahm.
Nun es fehlte nicht an Ersatz. Die nächste Sammlung heiliger Schriften war schon gedruckt und wartete nur noch auf Gläubige, die bequemerweise andere für sich denken lassen. Ist ja nicht so, das nach dem Untergang des Roten Jahrzehnts alle auf einmal zu Erleuchteten wurden. Und so wechselten die politischen Moden und wieder mal glaubten einige, jetzt die Erleuchtung gefunden zu haben.
Oder das Patentrezept gesamtgesellschaftlicher Krisenlösung, wie es ein ehemaliger Parteiführer ausdrückte.
Und wie das so läuft, auch die wurden älter und fanden sich auf einmal am Rand wieder und verstanden nicht ganz was da vorging. Neue Generationen machten sich breit und der Altlinke glaubte sich noch auszukennen, solange die ausgewiesenen Gegner die gleichen waren, doch er irrte gewaltig. Nachdem in den 90ern die Antirassismusdebatte einsetzte, glaubte man sich hier noch heimisch fühlen zu dürfen. Von wegen, es waren die ersten Anzeichen einer neuen Politikform die zwar gut gemeint war, dafür genauso übertrieb und idealistisch die Realität ignorierte wie man das aus dem Roten Jahrzehnt gewohnt war. Die ‚Arbeiterklasse‘ und die ‚Kämpfenden Völker‘ hatte man gegen Migranten und Flüchtlinge ersetzt. Bereits zu der Zeit wurden sie idealisiert und waren über jeden Zweifel erhaben. Wer auf die Religion oder archaische Strukturen verwies, war schnell als Rassist abgestempelt.
Und wer wollte, der durfte sich an alte Zeiten erinnert fühlen. Es ist das idealistisch parteiische Denken, daß keine Widersprüche und Zweifel zulässt. So wie seinerzeit die Arbeiterklasse und die Partei idealisiert wurde die alle ganz selbstverständlich links und kommunistisch waren und alle selbstzerstörerischen Dummheiten der KPD als bürgerliche Hetze abgetan wurden, hatten Ehrenmorde, Zwangsheirat und Fundamentalismus bei der Debatte über Migranten keinen Platz. Sowas nützt nur den Rechten. Die Fronten waren klar abgesteckt. Da die schutzsuchenden Migranten, dort der böse Staat und die rassistische Bevölkerung.
Doch das Ende des Irrsinns war noch keineswegs erreicht. Diese Idealisierung des „Edlen Wilden“ hat sich bis heute fortgesetzt und brachte weitere Auswüchse mit sich.
Erinnert man sich noch an vergangene Zeiten, die ihre eigene Terminologie hatten, die heute kaum noch verstanden wird, zumal der Sprachgebrauch des Marxismus Leninismus selbst im Osten museal geworden ist, so steht man auf einmal ratlos vor der neuen Terminologie die einen mehr als fremd ist. Auf einmal soll gar nichts mehr stimmen. Dachte man noch, man könnte sich auf Grundlagen verständigen, die von allen geteilt werden, so stellt man fest, da macht sich eine Minderheit breit, die selbst biologische Fakten nicht mehr gelten lassen will.
Die Sprache selbst ist zum Kampffeld geworden, einige glauben den Menschen ihren Sprachgebrauch aufzwingen zu dürfen und sind stinkbeleidigt, wenn es noch Widerspruch gibt.
Und wieder einmal stehst als Altlinker am Rand und fragst dich, wo bist denn jetzt gelandet? Ist das nun die linke Bewegung? Bist zu alt geworden und verstehst die Jugend nicht mehr? So kommt es nicht wenigen heute vor.
Da muß man nicht erst Spitzwegs armer Poet sein. Es reicht bereits, wenn man vor zwanzig Jahren erstmals auf ner Demo war um heute verwundert davorzustehen und sich zu fragen, das soll links sein?
Die Besitz und Machtverhältnisse hat man nicht ändern können, nun soll es wenigstens die Sprache und das Geschlecht sein.
Ja da steht man davor und fragt sich, gehörst nun zum alten Eisen und müssen die Gendersprachler nur abwarten, bis du abtrittst. Haben sie schon gewonnen? Tun jedenfalls so.
Da hat der Altlinke und alte weiße Mann ihnen immer noch was voraus. Ein wenig Erfahrung, was die Jahre halt so mit sich bringen. Aufgezwungene Sprache ist nicht von Dauer, das kannst an etlichen Fällen sehen. Seit Jahren wird den Leuten eingehämmert, es heißt Sinti und Roma und was macht das blöde Volk? Bei denen heißt es immer noch Zigeuner. In Frankfurt wurde der Name des Stadions verkauft. Kommerzbankarena. Für Frankfurter, gleich wie wichtig oder unwichtig ihnen der Fußball ist, heißt es nach wie vor Waldstadion.
Soll heißen, der Sieg der Gendersprache ist noch keineswegs sicher. Sprache ist eben ein sperriges Gebiet was bereits die Nazis erfahren durften, als das Volk  Begriffe wie Reichsjägermeister oder Reichstrunkenbold erfand. So als letzten sprachliches Widerstand gegen die Gleichschaltung von Sprache und Gedanke.
Wer die Sprache lenkt, lenkt das Bewußtsein, was man bereits bei Orwell nachlesen kann. Und in letzten Jahrhundert haben Ideologien sich keineswegs mit der politischen Herrschaft zufriedengegeben, sie wollten auch die Gedanken bestimmen. Und daher die paranoide Verfolgung aller abweichenden Gedanken, sei es im religiösen Fundamentalismus, im Stalinismus oder die Gleichschaltung der Nazis. Wer andere kontrollieren will, lebt in ständiger Furcht, diese könnten irgendwann auf dumme Gedanken kommen und sich fragen, warum lassen wir uns das eigentlich bieten? Und damit die Beherrschten gar nicht erst auf diesen Gedanken kommen, sollen sie gar nicht erst erfahren, daß es auch andere Vorstellungen gibt. Sie sollen zweckmäßigerweise nicht erst erfahren, daß es Alternativen geben könnte.
Und das kann man im begrenzten Rahmen dieser selbsternannten Vertreter der nicht diskriminierenden Sprache bewundern. Auf Kritik reagieren sie stinkig und mit Zensur. Auf ihren Seiten lassen sie ernsthaften Widerspruch gar nicht erst zu. Und wie sie mit abweichenden Meinungen umgehen würden, wenn sie die Macht hätten, kann man sich denken.

Doch zurück zum alten weißen Mann und Altlinken, der nicht dran denkt einfach abzutreten. Einige Jahre werden sie sich mit dir noch rumärgern dürfen. Und dann stehst daneben und darfst zusehen, wie die Gendersprachler auf einmal recht lächerlich mit ihren Geboten und Zwangsvorstellungen dastehen. Hoffen darf man ja.